Geschäftsprozesse automatisieren lassen
Sechs Abläufe, die sich im Mittelstand lohnen, mit Aufwand in Wochen und dem, was die Umsetzung kostet. Wer lieber selbst anfangen will, findet die Grundlagen im Leitfaden.
Was ein automatisierter Prozess ist
Ein automatisierter Geschäftsprozess ist ein Ablauf, der ohne manuelles Zutun startet und bis zum Ergebnis durchläuft. Ein Ereignis löst ihn aus: eine eingehende E-Mail, ein neuer Datensatz, ein Zeitpunkt. Dann werden die festgelegten Schritte abgearbeitet. Der Mensch kommt nur noch bei Ausnahmen oder Freigaben ins Spiel. Das Fachwort dafür lautet Geschäftsprozessautomatisierung, im Englischen Business Process Automation und abgekürzt BPA. Gemeint ist damit dasselbe.
Der Unterschied zur bloßen Digitalisierung ist dabei der entscheidende und wird oft übersehen: Ein Beleg als PDF statt auf Papier ist digitalisiert. Erst wenn dieser Beleg automatisch ausgelesen, dem richtigen Vorgang zugeordnet und verbucht wird, ist der Prozess automatisiert. Viele Unternehmen halten den ersten Schritt für den zweiten und wundern sich, dass der Aufwand gleich geblieben ist.
Üblich ist die Einteilung in Kernprozesse (Angebot, Produktion, Lieferung, Service), Unterstützungsprozesse (Buchhaltung, Personal, IT, Einkauf) und Führungsprozesse (Planung, Controlling, Qualität). Für den Einstieg sind die Unterstützungsprozesse meist die dankbarsten. Sie sind gut beschreibbar, und ein Fehlversuch stört nicht das Kerngeschäft.
Woran Sie geeignete Prozesse erkennen
Vier Merkmale. Fehlt eines, wird es aufwendiger. Fehlen zwei, lohnt es meistens nicht.
Er läuft häufig
Ein Ablauf, der zehnmal am Tag vorkommt, spart bei zwei Minuten Ersparnis mehr als einer, der einmal im Quartal läuft und eine Stunde dauert. Die Häufigkeit schlägt die Dauer. Das ist der Punkt, an dem sich die meisten zuerst verschätzen.
Er ist beschreibbar
Wenn jemand den Ablauf in einer Handvoll Sätzen erklären kann, ohne „das kommt darauf an" zu sagen, ist er ein Kandidat. Ein Prozess, den niemand vollständig erklären kann, ist kein Automatisierungsfall, sondern zuerst ein Dokumentationsfall.
Er hat wenige Ausnahmen
Ausnahmen sind der eigentliche Kostentreiber. Ein Ablauf mit drei Sonderfällen ist gut automatisierbar; einer mit dreißig wird teurer als die Handarbeit, die er ersetzen soll. Oft lohnt es, die häufigsten achtzig Prozent zu automatisieren und den Rest bewusst beim Menschen zu lassen.
Die Daten liegen digital vor
Ein PDF ist digital, aber nicht unbedingt lesbar. Eingescannte Belege brauchen erst eine Texterkennung. Das ist machbar und heute zuverlässig, gehört aber in die Aufwandsschätzung, statt sie hinterher zu sprengen.
Welche Prozesse im Mittelstand infrage kommen
Quer durch Branchen tauchen dieselben Kandidaten auf. Das liegt daran, dass sie alle vier Merkmale erfüllen, und daran, dass sie in fast jedem Betrieb von Hand erledigt werden. Die Spalte „Aufwand“ nennt die Zeit bis zum laufenden Betrieb, nicht die reine Entwicklungszeit:
| Prozess | Wie es heute läuft | Aufwand | Was sich ändert |
|---|---|---|---|
| Rechnungseingang erfassen und zuordnen | Bei achtzig Rechnungen im Monat rund ein Arbeitstag | 3 bis 6 Wochen | Erfassungszeit meist unter ein Fünftel |
| Angebote aus wiederkehrenden Bausteinen | Positionen und Preise je Angebot von Hand zusammenstellen | 2 bis 4 Wochen | Bearbeitungszeit typischerweise auf ein Viertel |
| Daten zwischen zwei Systemen übertragen | Dieselbe Adresse an zwei Stellen pflegen | 1 bis 4 Wochen | Widersprüche zwischen den Systemen hören auf |
| Wiederkehrende Berichte erzeugen | Monatszahlen aus drei Quellen zusammenkopieren | 1 bis 3 Wochen | Fast die gesamte Erstellungszeit |
| Onboarding neuer Mitarbeiter | Zugänge, Geräte und Einweisungen einzeln anstoßen | 2 bis 4 Wochen | Koordination entfällt, nichts wird mehr vergessen |
| Terminvergabe ohne Rückfragen | Mailwechsel über freie Zeitfenster | wenige Tage | Zeitgewinn klein, Wirkung auf Anfragen groß |
Ausführlicher, mit dem jeweiligen Ablauf und den Stellen, an denen solche Projekte scheitern, stehen dieselben sechs Fälle in sechs Beispielen aus dem Mittelstand.
- Eingangsrechnungen erfassen und zuordnenBelege auslesen, Lieferant und Kostenstelle erkennen, an die Buchhaltung übergeben. Der klassische Einstieg, weil Volumen und Regelmäßigkeit stimmen.
- Bestellungen aus E-Mails ins System übertragenBesonders dort, wo Kunden formlos bestellen. Die Abtipparbeit entfällt, und mit ihr die Zahlendreher.
- Stammdaten zwischen zwei Systemen abgleichenImmer dann, wenn dieselbe Adresse an zwei Stellen gepflegt wird. Doppelte Handerfassung ist die häufigste Ursache für Abweichungen zwischen Vorsystem und Buchhaltung.
- Wiederkehrende Berichte erzeugenMonatszahlen, die heute jemand aus drei Quellen zusammenkopiert. Der Aufwand ist gering, die Ersparnis fällt sofort auf.
- Urlaubs- und Freigabeanträge weiterleitenWer muss zustimmen, wer wird informiert, was passiert bei Abwesenheit. Ein guter erster Fall, weil er niemandem wehtut, wenn er einmal aussetzt.
- Kundenanfragen kategorisieren und verteilenDer Fall, in dem sich Automatisierung und KI berühren: Die Einordnung eines frei formulierten Textes ist keine Regel mehr, sondern eine Einschätzung.
Mit welcher Software man Prozesse automatisiert
Die Werkzeugfrage kommt meist zuerst und gehört an die zweite Stelle. Vier Klassen decken fast alle Fälle ab, und sie unterscheiden sich weniger im Funktionsumfang als darin, woran sie andocken.
Workflow-Automatisierung
Wenn mehrere Systeme miteinander reden sollen
Ein Werkzeug sitzt zwischen den vorhandenen Programmen und reicht Daten weiter: Mailpostfach, Warenwirtschaft, Buchhaltung, Ablage. Gebaut wird das über eine Oberfläche mit Bausteinen, teils mit wenigen Zeilen Code an den Stellen, an denen ein Baustein fehlt. Für den Mittelstand ist das der übliche Einstieg, weil nichts an den bestehenden Systemen geändert werden muss.
RPA, also Softwareroboter
Nur, wenn ein System keine Schnittstelle hat
Ein Programm bedient ein anderes so, wie ein Mensch es täte: klicken, tippen, Felder auslesen. Das ist die Notlösung für alte Software ohne Schnittstelle, und sie ist teurer im Unterhalt, als sie im Aufbau aussieht. Jede Änderung an der Oberfläche der bedienten Anwendung kann den Roboter anhalten. Wo eine Schnittstelle existiert, ist RPA die schlechtere Wahl.
Was die vorhandenen Systeme schon können
Der erste Blick, bevor etwas Neues gekauft wird
ERP, CRM und Buchhaltung bringen fast alle Regeln, Auslöser und Freigabewege mit. Oft ist ein Teil dessen, wofür ein zusätzliches Werkzeug angeschafft werden soll, in der bezahlten Lizenz enthalten und nur nicht eingerichtet. Das ist der langweiligste und regelmäßig günstigste Weg.
Sprachmodelle als ein Schritt im Ablauf
Nur für Schritte, die eine Einschätzung verlangen
Ein Modell übernimmt eine einzelne Stelle: einen freien Text einordnen, aus einer Mail die Bestellpositionen ziehen, einen Vorgang zusammenfassen. Der Ablauf drumherum bleibt in der Automatisierungsschicht. Wer stattdessen den ganzen Prozess einem Modell überlässt, tauscht einen nachvollziehbaren Ablauf gegen einen, der bei gleicher Eingabe zweimal Verschiedenes tun kann.
In den meisten mittelständischen Projekten fällt die Wahl auf die erste Klasse, oft ergänzt um das, was die vorhandenen Systeme ohnehin mitbringen. Die teuerste Entscheidung ist nicht die zwischen zwei Anbietern, sondern die für ein Werkzeug, das eine Schnittstelle voraussetzt, die es im Haus nicht gibt. Deshalb steht die Bestandsaufnahme der beteiligten Systeme vor der Auswahl, nicht danach.
Wo KI etwas ändert und wo nicht
Die Trennlinie verläuft zwischen Regel und Einschätzung. Wenn sich ein Schritt als Wenn-dann formulieren lässt, braucht er keine KI, und ein Sprachmodell wäre dort das teurere und unzuverlässigere Werkzeug. Eine Rechnungsnummer nach festem Schema auslesen ist eine Regel. Zu erkennen, ob eine frei formulierte Mail eine Reklamation oder eine Nachbestellung ist, ist eine Einschätzung.
Diese zweite Art von Schritt war bis vor wenigen Jahren der Punkt, an dem ein Ablauf beim Menschen bleiben musste. Deshalb endeten viele Automatisierungen genau davor. Was sich geändert hat, ist nicht die Automatisierung selbst, sondern die Zahl der Prozesse, die überhaupt infrage kommen: Alles mit unstrukturiertem Text am Anfang zählt jetzt dazu.
Für die Praxis folgt daraus ein gemischter Aufbau. Der Ablauf bleibt in der Automatisierungsschicht, weil er nachvollziehbar und wiederholbar sein muss. Nur der eine Schritt, der eine Einschätzung verlangt, geht an ein Modell, und dessen Ergebnis wird geprüft, bevor es weiterläuft. Bei einer Einordnung genügt dafür eine Stichprobe; wo Geld fließt, gehört eine Freigabe dazwischen.
Zwei Dinge kommen mit dem Modell ins Haus, die es vorher nicht gab: Der Schritt ist nicht mehr vorhersagbar gleich, und es verlassen Daten das Unternehmen, sobald ein externer Anbieter im Spiel ist. Beides ist lösbar, das zweite über die Wahl des Betriebsmodells und der Region. Was dabei DSGVO und EU AI Act verlangen, steht auf einer eigenen Seite.
In welcher Reihenfolge man vorgeht
Fünf Schritte. Der erste wird am häufigsten übersprungen und fehlt am Ende am meisten.
Messen, bevor Sie etwas ändern
Wie oft läuft der Prozess, wie lange dauert er, wie viele Fehler entstehen dabei? Ohne diese drei Zahlen lässt sich hinterher nicht sagen, ob sich etwas verbessert hat, und der Eindruck täuscht zuverlässig in beide Richtungen. Eine Woche mitschreiben genügt.
Den Ablauf aufschreiben, wie er wirklich ist
Nicht wie er im Handbuch steht. Fast immer weicht der gelebte Prozess ab, und meistens aus guten Gründen. Wer die Abweichung wegautomatisiert, baut ein System, das die Leute umgehen.
Mit dem harmlosesten Fall anfangen
Der häufigste Fehler ist der umgekehrte Weg: mit dem kompliziertesten Prozess zu beginnen, weil dort der Leidensdruck am größten ist. Der erste Versuch sollte überschaubar sein und wenig Schaden anrichten, wenn er aussetzt. Erfolg dort schafft die Bereitschaft für den Rest.
Ausnahmen sichtbar machen, nicht verstecken
Was das System nicht verarbeiten kann, muss auffallen: in einer Liste, die jemand ansieht. Ein Ablauf, der Fehler still verschluckt, ist schlimmer als gar keiner: Er erzeugt Vertrauen, das er nicht verdient.
Nach vier Wochen erneut messen
Dieselben drei Zahlen wie am Anfang. Erst dann steht fest, ob sich der Aufwand gerechnet hat und ob der nächste Prozess dran ist oder ob zuerst nachgebessert werden muss.
Die drei teuersten Irrtümer
Einen kaputten Prozess automatisieren
Automatisierung beschleunigt, was da ist, auch den Unsinn. Wenn ein Ablauf drei Freigaben verlangt, von denen zwei nie jemand liest, sollte man diese zwei streichen, statt sie schneller zu machen. Der billigste Automatisierungsschritt ist fast immer das Weglassen.
Mit dem schwierigsten Fall anfangen
Verständlich, weil dort der Leidensdruck sitzt, aber der schwierigste Prozess hat die meisten Ausnahmen und die schlechteste Datenlage. Wenn ausgerechnet der erste Versuch scheitert, ist das Thema im Haus für zwei Jahre verbrannt.
Vorher nicht messen
Ohne Ausgangswert wird die Bewertung zur Geschmacksfrage, und die fällt später fast immer gegen das Projekt aus. Zwei Zahlen aus einer Woche Mitschreiben reichen: wie oft, wie lange.
Wenn Sie es nicht selbst machen wollen
Alles auf dieser Seite lässt sich in Eigenregie umsetzen, und für einfache Abläufe ist das oft der richtige Weg. Wenn mehrere Systeme beteiligt sind oder Schnittstellen zu SAP oder DATEV im Spiel sind, wird es aufwendiger. Dann lohnt ein Gespräch. Projekte starten bei 2.500 € zzgl. USt. und dauern typischerweise zwei bis sechs Wochen.
Sie suchen erst einmal Anhaltspunkte, welcher Ablauf sich lohnt? Sechs Beispiele mit Aufwand und Ersparnis
Wenn dabei personenbezogene Daten verarbeitet werden: DSGVO-konforme KI und EU AI Act
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